Source : Berner Zeitung
28.06.2010
Künftig steigt man mit einem Chip in den Zug ein – und bezahlt die gefahrenen Strecken später: Diese Vision hat das Technologieunternehmen Siemens. Die SBB könnten mit dem Projekt «Fast Track» Millionen Franken einsparen.
Photo : BZ/Grafik Signer
Seit Jahren ein Thema, aber noch immer eine Vision. Ungefähr so könnte man den Stand über die Einführung eines elektronischen Billettsystems im öffentlichen Verkehr der Schweiz zusammenfassen.
Heute ist es zwar möglich, via Internet oder Handy ein Bahnbillett zu kaufen. Aber einfach so in ein öffentliches Verkehrsmittel zu steigen und später via Rechnung die gefahrenen Strecken zu bezahlen, geht noch nicht. Der oberste Bähnler der Schweiz, SBB-Präsident Ulrich Gygi, sagte kürzlich in einem Zeitungsinterview, dass er sich nach einem Chip sehne, der das Bahnfahren einfacher machen würde.
Mit diesem Wunsch rennt Gygi bei Siemens offene Türen ein. Denn die Schweizer Entwicklungsabteilung des deutschen Technologieunternehmens hat eine solche Lösung bereits weit entwickelt. Unter der Leitung von Marcel Kalbermatter, Leiter Bahnlösungen bei Siemens Schweiz, ist das neueste Produkt «Fast Track» entstanden. Siemens möchte dieses Produkt künftig an die Unternehmen im öffentlichen Verkehr der Schweiz verkaufen. Dadurch könnten diese Millionen von Franken einsparen – beispielsweise weil weniger Billettautomaten benötigt würden. «Fast Track» ist das Nachfolgeprojekt von «Easy Ride», das ebenfalls ein elektronisches Billettsystem war, das zwischen dem Jahr 2001 und 2007 in Zusammenarbeit von Siemens, SBB, Post und dem Verband öffentlicher Verkehr (VöV) entwickelt und getestet worden ist.
Obwohl Tests in Basel und Genf erfolgreich verliefen, wurde das Projekt im Jahr 2007 von den Schweizer Verkehrsunternehmen wieder begraben. Als Hauptgrund nannte man damals die hohen Installationskosten von 600 Millionen Franken.
Denn bei «Easy Ride» mussten die Bahnkunden ihre Karten bei einem Lesegerät im Zug aktivieren. Dies hätte einerseits die Kosten in die Höhe getrieben und andererseits den Passagierfluss gestört, da sich vor den Lesegeräten Schlangen gebildet hätten.
«Bei ‹Fast Track› konnten wir diese beiden Nachteile aus der Welt schaffen», sagt Marcel Kalbermatter. Dank der schnellen technologischen Entwicklung im Bereich der Datenübertragung via winzigen Chip ist heute vieles möglich, was vor drei Jahren noch unmöglich war. Die Rede ist hier von den sogenannten RFID-Chips (engl. «Radio-frequency identification).
Ein RFID-Chip ist auch bei «Fast Track» das Herzstück. Der Chip auf einer kreditkartengrossen Halterung wird aktiviert, sobald der Reisende sich im Eingangsbereich des Zuges aufhält. Sobald der Zug abgefahren ist, werden alle Passagiere über ihre Kartennummern erfasst. Die gefahrenen Strecken werden den Kunden erst später in Rechnung gestellt.
Mit «Fast Track» müssen keine Lesegeräte installiert werden, bei denen sich die Reisenden an- beziehungsweise abmelden. Dies passiert automatisch via Funkverbindung. «Dank der Datenübertragung durch die Luft sinken die Installationskosten massiv nach unten», erklärt Kalbermatter. Dadurch komme heute eine Einführung eines digitalisierten Billettsystem «um Faktoren» günstiger zu stehen als noch im Zeitalter von «Easy Ride».
Für den Spezialisten von Siemens ist klar, dass das System des integrierten Verkehrs auch in Zukunft weiterbestehen muss. Die Einführung eines elektronischen Ticketsystems könnte unabhängig vom zukünftigen Tarifsystem eingeführt werden. Konkret heisst dies, dass ein Kunde nach wie vor nur ein Billett kaufen muss, auch wenn er zum Erreichen des Zielortes mit mehreren Transportunternehmen reist.
Auch für Peter Vollmer, Direktor des Verbands öffentlicher Verkehr (VöV), ist klar: «Ein elektronisches Ticketsystem macht nur Sinn, wenn dies flächendeckend eingeführt wird.» In einer ersten Phase brauchte es wahrscheinlich noch parallele Systeme, meint Vollmer. Aber ein elektronisches Ticketsystem sei für den VöV unbestritten eine wichtige Zukunftsoption.
Auch bei den SBB stösst ein mobiles Billettsystem auf Interesse, obwohl viele Fragen heute noch offen seien. «Eine nicht zu unterschätzende Herausforderung wäre dabei unter anderem der damit verbundene Wechsel vom heutigen Vorauszahlungssystem für Fahrausweise zu einem System, bei dem erst im Nachhinein bezahlt wird», sagt SBB-Sprecher Roman Marti auf Anfrage.
Bereits in zwei bis fünf Jahren könnte ein neues System in der Schweiz flächendeckend eingeführt sein, schätzt Siemens-Mann Kalbermatter. Auch bezüglich des Datenschutzes hat Siemens Schweiz bereits erste Vorabklärungen gemacht. Das System würde dem Leitfaden des eidgenössischen Datenschutzes genügen.
Derzeit ist Siemens mit verschiedenen Bahnunternehmen aus der Schweiz und dem Ausland in ersten Abklärungsgesprächen. Über eine Einführung eines elektronischen Ticketsystems in der Schweiz werden aber am Schluss die über 200 Mitglieder des VöV entscheiden.
Marcel Kalbermatter. Er leitet das Projekt «Fast Track». (Bild: Stefan Anderegg)Aus der technologischen Sicht wäre eine Einführung eines von den SBB und dem Verband öffentlicher Verkehr (VöV) gewünschten neuen Ticketsystems bereits heute möglich.
Doch die VöV-Mitglieder – sprich die Transportunternehmen der Schweiz – müssten über die Einführung eines neuen System gemeinsam entscheiden. Bei diesem Entscheid haben auch die kleinen Bahnen und Verkehrsverbunde ein Mitspracherecht. Doch genau dieses Mitspracherecht der kleinen Bahnen wird eine grosse Hürde sein, wenn es um die Umstellung vom Papierbillett auf einen elektronischen Chip geht.
Der Grund liegt in der erhöhten Transparenz, die sich mit einem elektronischen Billettsystem ergeben würde. Heute wird nur mit Hilfe von Stichproben erhoben, wie viele Passagiere auf einer Strecke fahren. Wie viele Leute eine bestimmte Strecke im Jahr benutzen, weiss niemand genau. Der Grund sind die fast 400000 Besitzer eines Generalabonnements (GA). Diese bewegen sich statistisch fast «unsichtbar» im ÖV-Netz der Schweiz.
Mit einem elektronischen Ticketsystem wäre dies anders. Für jede Strecke und Verbindung wäre ersichtlich, von wie vielen Passagieren das Angebot benutzt würde.
Das könnte für die Verteilung der Gelder, die aus dem Verkauf der GA generiert werden, Konsequenzen haben. Der heutige Verteilschlüssel der GA-Gelder könnte problemlos an die effektiven Passagierfrequenzen angepasst werden.
Bei dieser Anpassung gäbe es wohl auch Verlierer – dies wären in der Tendenz vor allem kleinere Transportunternehmen in der Schweiz.